26.11.2023

Kurz nach der Revolution

Flächige Zeichnung von einem jungen Mann mit schwarzen Haaren und Oberlippenbärtchen, der auf einem Schiff steht und besorgt geradeaus blickt. Hinter ihm auf der Kommandobrücke stehen ein Mann und eine Frau.

Foto: Les Films d'Ici

Regisseurin Sepideh Farsi beleuchtet mit ihrem Animationsfilm „Die Sirene“ die Epoche nach der iranischen Revolution, in der das Land eine Zeitenwende erfuhr, deren Ausläufer es bis heute prägen.

1980. Abadan, die Ölmetropole des Iran, steht vor der irakischen Belagerung. Der jugendliche Omid bleibt bei seinem Großvater nachdem er vergeblich versucht hat, sich als Soldat zu verpflichten. Auf seinen Streifzügen durch die Stadt trifft er auf ungewöhnliche Charaktere, die trotz des drohenden irakischen Einmarschs alle ihre Gründe haben in der Stadt zu bleiben.

 

„Dieser beeindruckende Animationsfilm schafft etwas, das eigentlich unmöglich sein sollte: Er bringt schöne Bilder des Krieges auf die Leinwand.“

Sören Kittel

Darunter ist auch eine berühmte Diva und ihre Tochter Pari, in die sich Omid verliebt. Als sich die Situation verschlechtert, entdeckt und repariert er ein veraltetes Boot, einen Lenj. Bietet dieser Fund Omid die Chance, sich und alle Menschen, die ihm wichtig sind, zu retten?

 

Sepideh Farsi über ihren Film

Ich war genau wie Omid und Pari ein Teenager, als der iranisch-irakische Krieg ausbrach. Ich blieb bis 1984 im Iran und erlebte die zweite Hälfte des Krieges von Frankreich aus. Ich musste das Land verlassen, da ich im Iran nicht studieren durfte – ich saß im Gefängnis, weil ich in der High School als Aktivistin tätig war. Damals betrachteten wir uns als doppelte Dissident*innen – wir wollten die Monarchie stürzen, aber wir wollten auch nicht, dass der Klerus die Macht übernimmt. Das Regime betrachtete uns als Feind*innen im Innern.

Auf der Suche nach seinem Bruder, der an die Front gegangen ist, denkt Omid, obwohl er noch so jung ist, darüber nach, wie sein Leben ohne diese Revolution und diesen Krieg hätte aussehen können. Aber er gibt nicht auf und wird aktiv. So haben wir uns Anfang der 1980er Jahre gefühlt, als ob uns etwas gestohlen worden wäre. Es war eine geklaute Revolution – es war eine Tragödie, als hätten wir einen Schritt verpasst. Und im Laufe der Jahre wurde es nur noch schlimmer.

Im Iran gibt es seit mehr als vierzig Jahren Aufstände gegen das Regime. Das, was heute passiert, kommt also nicht aus dem Nichts. An der Revolution „Frau, Leben, Freiheit“ ist die ganze Gesellschaft beteiligt. Viele junge Menschen – 60 % der iranischen Bevölkerung sind unter 35 – wollen in einer modernen, liberalen Gesellschaft leben.

Ich bin meinem Land immer sehr nahe geblieben. Trotz politischer Unterdrückung und Zensur haben die Iraner*innen immer einen Weg gefunden, etwas zu erschaffen. Die iranische revolutionäre Bewegung ist auch von anderen rebellischen Bewegungen inspiriert – etwa in der Ukraine oder in Hongkong 2019. Trotz des harten Durchgreifens des Regimes gab es immer Raum für Widerstand. Es gibt tiefe Risse im iranischen Staat, und ich glaube, dass das Regime bald fallen wird.