18.05.2022

Wettkampf ohne Gewinner

Ein blauer Pick-Up-Truck steht mittig als einziges Fahrzeug in einem festlich ausgeleuchteten Autohaus-Zelt.

Foto: Flare Film, Michael Kotschi

„One Of These Days“ erzählt eindringlich von der zutiefst menschlichen Suche nach dem Glück. Inspiriert von einer wahren Geschichte richtet Regisseur Bastian Günther in soghaften Bildern das Brennglas auf soziale Ungleichheiten und stellt die Frage, wie wir in einer Gesellschaft miteinander umgehen wollen.

Für die 20 Teilnehmer*innen des „Hands On“-Wettbewerbs in einer texanischen Kleinstadt ist die Aussicht auf den Gewinn eines brandneuen Pick-Up-Trucks verbunden mit dem Traum vom besseren Leben. Der Wagen ist für sie im wahrsten Sinne des Wortes zum Greifen nahe, denn bei dem Wettkampf berühren sie ihn tatsächlich schon mit einer Hand. Ausgestattet mit kaum mehr als Hoffnung und großem Willen harren sie tagelang ohne Schlaf am Fahrzeug aus und versuchen die anderen zu überdauern. Schlafmangel, Hitze und Dehydration setzen dem Körper und Geist jedoch enorm zu. Tage und Nächte voller Wahnsinn, Gelächter, Tortur, Erschöpfung, Psycho-Spielchen und Kontrollverlust prägen den Wettkampf — und nur ein*e Spieler*in kann am Schluss mit dem Truck nach Hause fahren. Je weiter der Wettstreit voranschreitet, desto tiefer dringt er in das Wesen der Menschen vor. Das alles passiert vor Publikum, denn „Hands On“ ist eine beliebte, jährlich stattfindende PR-Veranstaltung eines lokalen Autohauses. In dem kleinen Ort im Süden der USA ist der Wettbewerb ein regelrechtes Ereignis. Die lokale Presse, Radio und TV, berichtet rund um die Uhr und für das Publikum vor Ort sind die Teilnehmenden wie Gladiatoren in der Arena. Doch das Spektakel endet in diesem Jahr anders als erwartet.

 

„One of These Days erzählt von Chancenungleichheit, von Verzweiflung und den unerfüllbaren Träumen der Konsumgesellschaft – sprich: vom Leben im Kapitalismus.“

Lucia Wiedergrün

Kyle Parson, ein Teilnehmer, ist der physischen und psychischen Qual nicht mehr gewachsen — nach fast vier Tagen und Nächten, über achtzig Stunden ohne Schlaf, beendet er den Wettkampf auf tragische Weise. Der Film basiert auf einer wahren Begebenheit aus dem Jahr 2005. Er erzählt die Geschichte von Kyle, für den der Gewinn des Trucks ein Ausweg aus seinem Leben in dem kleinen Südstaaten-Ort bedeuten könnte, sowie die Geschichte von Joan Riley, die als Mitarbeiterin des Autohauses den Wettbewerb bereits seit zehn Jahren organisiert.

Joan, 51, lebt alleine, ist geschieden und ihre Tochter ist vor kurzem zum Studieren nach Florida gezogen. Joan verdrängt ihre Angst vor dem Älterwerden und Alleinsein, indem sie sich in Aktivitäten und Ablenkungen stürzt. In ihrer Begeisterungsfähigkeit ist sie voll und ganz in der Welt von Konsum und Entertainment zuhause. Sie ist eine kluge Frau, sieht aber durch ihre Verdrängungsstrategien immer nur das Positive in den Dingen. So erkennt sie auch nicht, dass der Wettbewerb nicht nur Unterhaltung ist, sondern dass er weniger Privilegierte ausbeutet, die mit dem Gewinn große Hoffnungen verbinden. Kyle, 30, sieht den Truck als ein Ticket in ein neues Leben. Zusammen mit seiner Frau Maria und dem gemeinsamen Baby will er noch einmal neu anfangen. Irgendwo, wo er die Probleme mit anderen hinter sich lassen kann, denn Kyle hat sein aufbrausendes Temperament nicht immer unter Kontrolle. Und seit sie Eltern sind, ist Kyle auf der Suche nach einem „richtigen“ Job. Er will mehr Verantwortung übernehmen und seine kleine Familie nicht enttäuschen. Doch der Wettbewerb endet plötzlich und ohne Gewinner. Dieses Ende ist der Beginn von Joans Erwachen und nimmt die Zuschauer mit zum Anfang von Kyles Geschichte.

 

Bastian Günther über seinen Film

Für mich verkörpert Kyle Parson den klassischen Antihelden, der keine Chance hat, und er steht somit stellvertretend für viele, die an solchen Events teilnehmen wollen oder vielmehr „müssen“ und große Hoffnungen damit verbinden. Sein Schuss in den Kopf war Ausdruck seiner Hoffnungslosigkeit, seiner Wut, sehr wahrscheinlich auch das Ergebnis „durchgebrannter Synapsen“. Dieser krachende Moment lässt die Autohausmitarbeiterin Joan Riley schließlich „aufwachen“. Hatte sie vorher versucht, ihre Ängste und Sorgen zu verdrängen, so ist sie am Ende auf sich selbst zurückgeworfen. In dieser Hinsicht hat auch sie eine Art Stellvertreterposition inne. Was tun wir nicht alles, um uns nicht unseren Ängsten, nicht der Realität zu stellen? Wie lange schafft man es, was muss passieren, bevor man es tut? Joan und Kyle sind „gewöhnliche“ Menschen, die beide viel über uns und darüber, wie wir leben, erzählen. Genau wie der Wettbewerb auch. Ein von uns Menschen erdachter „Zirkus“.

„One Of These Days“ wird zuerst chronologisch erzählt. Der Film wird mit der Dauer des Wettbewerbs lauter, direkter. Die Teilnehmer zeigen ungefiltert ihre Emotionen. Die Müdigkeit lässt einen „Schutzmechanismus“ nicht mehr zu. Dieser Hysterie und der Skurilität wird durch Kyle Parsons Schuss jedoch unvermittelt ein Ende gesetzt. Der letzte Teil des Films geht schließlich zurück in der Zeit — vor den Wettbewerb. Mir war es wichtig, Kyles letzte Tage und Momente zu zeigen, seine Umwelt, seinen Tagesablauf. Trotz der Probleme, die er hat, ist er ein „normaler“ Mensch. Und dieses „Normale“, das wir sehen, wird bald mit einem lauten Knall zerstört sein. Außerdem steht Kyle stellvertretend für alle Teilnehmer am Truck. Jeder von ihnen hat einen Grund, bei dem Wettbewerb mitzumachen. Jeder hat eine Geschichte.

Wenn ich die Szene heute sehe, kommt mir Kyles brutale Tat nicht nur wie ein Akt der Verzweiflung vor, sondern auch wie ein Protest gegen all das, was wir uns gegenseitig antun. „One Of These Days“ bewegt sich zwischen den Extremen. Zwischen Drama, Witz, Spannung, Hysterie, den berühmten „15 Minuten Ruhm“ und der Stille vor dem Schuss. Für mich war es seit Jahren ein Bedürfnis einen Film über diesen Wettbewerb zu machen, weil ich finde, dass er neben all den „unterhaltsamen“ Momenten, die er hat, in seiner dichten, konzentrierten Form viel über uns und unser Leben erzählt. Was passiert, wenn nur noch das Recht des Stärkeren gilt? Und was muss passieren, bevor wir das ändern?