09.05.2022

Repräsentation und Empowerment

Eine dicke Karate-Kämpferin mit lockigen schwarzen Haaren blickt mit weit geöffnetem Mund und erhobenen Fäusten direkt in die Kamera. Im Hintergrund des Raumes trainieren weitere schwarz gekleidete Personen.

Foto: Darling Berlin / UCM.ONE

Der mitreißende Film “Nico“, für den Regisseurin Eline Gehring zusammen mit Kamerafrau Francy Fabritz und Produzentin und Hauptdarstellerin Sara Fazilat das Drehbuch geschrieben hat, lässt das Publikum jeden Moment des schmerzhaften Heilungsprozesses der Protagonistin mitfühlen.

Nico ist eine selbstbewusste, lebensfrohe Frau, die als Altenpflegerin arbeitet und wegen ihrer herzlichen Art bei allen beliebt ist. Zusammen mit ihrer Freundin Rosa genießt sie den Sommer unbeschwert in ihrem Kiez und auf Partys. Nico und Rosa wechseln geübt zwischen ihrer Muttersprache Farsi und Deutsch hin und her und bewegen sich wie selbstverständlich durch das urbane, diverse Berlin. Als Nico eines Abends von zwei Männern und einer Frau aus rassistischen Motiven brutal zusammengeschlagen wird, ändert sich alles schlagartig: Sie fühlt sich für eine lange Zeit bedrückt, ängstlich und wütend und isoliert sich zunehmend von ihrem sozialen Leben. Nico erinnert sich oft an den Vorfall und traut sich nicht in die Nähe der S-Bahn- Unterführung, wo sie angegriffen wurde. Auf der Arbeit wirkt sie abwesend und kühl. Doch sie entscheidet sich Karate zu lernen, um nie wieder Opfer zu werden.

 

„Der Realismus in den filmischen Mitteln, der Besetzung und in den Dialogen erzeugt eine fast dokumentarische Unmittelbarkeit. Es ist, als wären wir bei einer Geschichte, wie sie sich im realen Leben abspielt oder zumindest abspielen könnte, hautnah dabei.“

Vision Kino

Karatemeister Andy fordert sie im Training streng zu Disziplin und Ausdauer auf und treibt sie bis an ihre Grenzen. Nico lernt dabei, ihre Wut zu kanalisieren und ihre eigene Stärke zurückzuerobern. Doch gleichzeitig verliert sie die Verbindung zu sich selbst und ihrem alten Leben. Dann trifft Nico auf die Mazedonierin Ronny. Zwischen den beiden Frauen entwickelt sich eine starke Verbindung, die Nico dazu veranlasst, den eingeschlagenen Weg in Frage zu stellen.

 

Sara Fazilat und Eline Gehring über ihren Film

Im vergangenen Jahr sind in Deutschland so viele Straftaten mit politisch motiviertem Hintergrund verübt worden wie in den vergangenen 20 Jahren nicht. Immer stärker bestimmen rassistische Menschen und Strukturen, worüber wir reden. Sie diktieren die Inhalte, mit denen wir uns beschäftigen, und nehmen uns das Selbstverständnis unserer Zugehörigkeit. Die Wut und Hilflosigkeit darüber haben wir in „Nico“ gebündelt, um darauf aufmerksam zu machen, dass Rassismus und Sexismus immer – und wieder zunehmend – zu unserem Alltag gehören.

Medien haben eine hohe Reichweite und einen starken Einfluss auf unsere Wahrnehmung. Sie erschaffen bleibende Bilder, die ganze Gesellschaften formen. Deswegen brauchen wir dringend Filme, die selbstverständlich so divers sind wie ihr Publikum. Und zwar nicht nur in Bezug auf Herkunft und Körper, sondern auch auf Alter und Sexualität. Es wird Zeit für einen längst fälligen Wandel in der deutschen Film- und Fernsehlandschaft – Repräsentation ist entscheidend, und mit ihr die Abbildung aller Menschen und Geschichten auf der Leinwand und im Kino.

Mit diesem Film versuchen wir, nicht nur vor, sondern auch hinter der Kamera eine Realität zu schaffen, um nicht mehr nur damit beschäftigt zu sein, auf Realitäten zu reagieren, die andere für uns schaffen. Wir wollen selbst handeln und ein neues Narrativ kreieren.