04.05.2022

Gift hinterlässt immer eine Spur

In einer abgedunkelten, eleganten Bar sitzt ganz allein ein Mann mit einem Wasserglas am Tresen. Er hat kurze, dunkelblonde Haare und trägt eine dunkelblaue, gewebte Jacke zum hellblauen Hemd. Sein durchdringender Blick ist direkt in die Kamera gerichtet, seine Hände liegen locker verschränkt vor ihm auf dem Holztresen.

Foto: DCM

Im Stile eines Thrillers folgt die ebenso packende wie psychologisch eingehende Dokumentation von Regisseur Daniel Roher dem russischen Oppositionsführer Alexei Nawalny auf der Suche nach den Männern, die ihn vergifteten.

Im August 2020 wurde ein Flugzeug auf dem Weg von Sibirien nach Moskau zum Flughafen der sibirischen Stadt Omsk umgelenkt, als einer der Passagiere todkrank wurde. Dieser Passagier war kein anderer als einer der heftigsten Gegner Wladimir Putins – Alexei Nawalny, der Führer der russischen Opposition. Es hatte schon lange die Befürchtung gegeben, dass man ihn mit einem Mord zum Schweigen bringen wollte. Seine Frau und Kollegen waren daher überzeugt, dass er vergiftet worden war, und sie hatten schlimmste Befürchtungen zu dem, was ihm in einem sibirischen Krankenhaus drohte. So reisten sie sofort nach Omsk und erreichten seine Evakuierung nach Deutschland. Dort bestätigten die örtlichen Behörden, dass Nawalny eine Dosis von Nowitschok verabreicht worden war, eines Nervengiftes aus der Sowjetzeit.

Aber wie wurde er vergiftet? Und von wem? Diese Fragen bilden den Kern von „Nawalny“, einer Dokumentation aus unmittelbarer Beobachterperspektive, die sich mit dem Tempo eines Thrillers entfaltet. Der Film führt Alexei Nawalny mit Christo Grozev, einem investigativen Journalisten des internationalen Recherchenetzwerks Bellingcat, zusammen. In minuziöser Kleinarbeit rekonstruieren sie die Identitäten der Attentäter, um dann den Fall an die Weltöffentlichkeit zu bringen.

 

„Obwohl wir schon alles darüber zu wissen glauben und seither viele Monate vergangen sind, sind die Enthüllungen erschütternd und die Emotionen physisch spürbar.“

Simone Meier

Daniel Rohers „Nawalny“ wurde während des Verlaufs der Ermittlungen und Nawalnys Genesung in Realzeit in einer deutschen Kleinstadt gedreht. Szenen mit seiner Frau, seinen Kindern und Kollegen zeigen das Porträt eines meisterhaften Medienstrategen, der bereit ist, alles für sein Vaterland zu geben. Der Film bietet einen außergewöhnlichen Zugang zu einer politischen Führungspersönlichkeit, die sich bei ihrem Streben nach Reformen von nichts einschüchtern lässt, nicht einmal von der eigenen Vergiftung. Am Ende der Dokumentation, in einer Zeit, in der sich weltweit autoritäre Strömungen verstärken, kehrt der mögliche künftige Präsident Russlands in sein Land zurück, bereit, sich für diesen Wandel zu opfern.

 

Daniel Roher über seinen Film

Ich möchte das Publikum daran erinnern, dass die Bösen gewinnen, wenn die Menschen nicht achtgeben und sich um nichts mehr kümmern, ob das nun um die autoritären Machthaber in Brasilien, Ungarn, der Türkei, Russland, China oder den USA geht. Alexei will uns daran erinnern, dass wir nicht inaktiv sein dürfen. Darauf sollen sich die Menschen fokussieren, wenn sie an ihn denken. Mir war immer klar, dass wir einen Film über einen Mann drehten, der seine eigene Agenda hatte. Das ist das Metanarrativ des Films. Wir haben den Film A über diesen Menschen und seine Familie, über die Ermittlungen zu dem Attentat und über seine Rückkehr in sein Heimatland. Film B wiederum dreht sich um einen Regisseur, der sich um Objektivität bemüht, während er einen Film über einen Politiker macht. Ich denke, wir zeigen Nawalny als Politiker, den wir trotz seiner Fehler unterstützen sollten, denn seine Mission ist von immenser Wichtigkeit. Das ist unsere moralische Verpflichtung. Sein Mut soll die ganze Welt inspirieren.