16.05.2022

Gespür für den Aberwitz

Schwarz-weiß Aufnahme von einem Ton-Studio: Eine Frau mit langen schwarzen Haaren, Brille und weitem Strickpullover mit Schalkragen trägt einen Studio-Kopfhörer. Sie singt mit geschlossenen Augen durch einen nylonbespannten Pop-Schutz in ein Kondensator-Mikrofon. Die Hände hält sie locker vor ihrem Körper verschränkt.

Foto: Jörg Möller

Der Werdegang der Liedermacherin Bettina Wegner gehört zu den spannendsten Biografien des 20. Jahrhunderts. Der Filmemacher Lutz Pehnert widmete dem Werk und der Persönlichkeit der Künstlerin den Dokumentarfilm „Bettina“, in dem sie persönlich ihre Geschichte Revue passieren lässt.

Geboren 1947 in Westberlin, aufgewachsen in Ostberlin, mit 36 Jahren ausgebürgert, seither „entwurzelt“. Bettina Wegners Lebenslauf ist der Weg von einem Kind, das Stalin glühend verehrte, über eine hoffnungsfrohe Teenagerin, die mit ihren eigenen Liedern eine Gesellschaft mit bauen möchte, hin zu einer beseelten Künstlerin mit einer unerschütterlichen humanistischen Haltung.

 

„Aufrecht stehn – wenn andre sitzen / Wind zu sein – wenn andre schwitzen…“

Bettina Wegner

So heroisch das klingt, so aberwitzig, mühevoll, hingebungsvoll und vergeblich ist es in den vielen Dingen des Lebens, die zwischen den Liedern eine Biografie ausmachen. Bettina Wegners Leben ist zugleich die Geschichte eines Jahrhunderts: Es steckt in ihren Knochen, ihrer Seele, ihren Gedanken – und in ihren Liedern.

 

Lutz Pehnert über seinen Film

Ich habe Bettina Wegner kurz nach dem Mauerfall kennengelernt. Ich kam von Ostberlin zu ihr in den Westen, nach Frohnau. Es war eine fast surreale Begegnung. Wir beide kamen aus einem Land – und lebten in zwei verschiedenen Welten. Sie kannte meine Welt, aber ich noch nicht die Ihre. In den letzten dreißig Jahren bin ich Bettina Wegner immer wieder begegnet, bei Konzertauftritten oder zu Interviews. Zuletzt befragte ich sie für die rbb-Reihe „Berlin – Schicksalsjahre einer Stadt“ zu ihren Erlebnissen in den Jahren 1967,1968 und 1978. Ich glaube, dass Bettina Wegner bis heute in zwei Welten lebt – hüben und drüben, auch wenn sie gerade selbst nicht genau weiß, wo gerade hüben und wo drüben ist. Bis heute also steckt ihr die Geschichte eines Jahrhunderts, die auch ihre eigene ist, in den Knochen, in der Seele, in ihren Gedanken. Bei meiner Begegnung mit ihr, habe ich sie immer in einer wunderbaren Mischung aus Nachdenklichkeit und Heiterkeit erlebt, als eine Frau mit Humor. Traurig war sie nie. Sie erzählt von ihrer Vergangenheit mit einem natürlichen Gespür für den Aberwitz, den alles Erlebte enthält.